Anleitung zur Gründung einer Sanitätskolonne

Übersetzung eines Briefes in deutschen Buchstaben von Geislingen an der Steige, in dem die Gründung einer Sanitätskolonne am Vorgehen der Sanitätskolonne No. 10, Geislingen/Steige, beschrieben wird.

Geislingen, den 12.März 1891

Lieber Vetter Matthäus!

In Beantwortung Deines Schreibens vom 10. d. M. will ich Dir zuerst meine Freude ausdrücken über das von Dir erhaltene Lebenszeichen; besonders über Deine dortige turnerische Thätigkeit, was uns die Gewissheit gibt, daß der echte turnerische Geist, den Du hier in Dich aufgenommen hast, Dich auf Deiner ganzen Lebensbahn begleiten wird. Was nun Euer Plan der Errichtung einer "Freiwilligen Sanitätskolonne" betrifft, so will ich Dir in Folgendem Deine Fragen nach unserem Wissen beantworten und unsere sonstigen Erfahrungen mitteilen.

Zur Frage 1. Anzeige der Gründung einer Freiwilligen Sanitäts-Kolonne muß dem "Führer der Württembergischen Freiwilligen Sanitätskolonnen Herrn Luitnant Hermann" in Stuttgart gemacht werden.

2. Hier muß ich bemerken, daß unser Unterichts-Arzt "Herr Dr. Knauss, Oberamtsarzt" ist und daß er sich nur in so weit verbindlich muehte, daß er auf unser Ersuchen sich sofort bereit fand uns in die Sache mit theoretischem wie praktischem Unterricht einzuweisen. Zahlungen oder sonstige Entschädigungen sind in keinerlei Art an ihn zu leisten. Also der Unterricht von Herm Dr. Knauss ist reine Ehrensache.
Opfer an Zeit und auch an Geld hat sich Herr Dr. Knauss schon durch Übernahme dieses Amtes aufgebürdet, aber er war unermüdlich thätig im Anfang Sonntag Vormittag und noch ein oder zwei Abende der Woche. Er ließ zu diesem Zwecke eigens ein vollständiges, aufstellbares Skelett kommen um ca. 140-150 Mark auf seine Kosten, sowie verschiedene Zeichnungen in Lebensgröße um den Anschauungsunterricht bezüglich des Baues und der einzelnen Organe des Menschen recht leicht fassbar zu machen.

3. Als wir so ungefähr 1 ½ Jahre gelernt und geübt hatten, fand im November 1889 eine Übung auf unserem Sommerturnplatz im ganzen Umfange statt, vor der Gemeindevertretung wie auch auswärtigen Vertretern (Schultheißen) des Bezirks. Es wurde zum Schluß dieser ersten Hauptübung auch das Verladen der Verwundeten in Eisenbahnwaggons vorgezeigt. Auf diese Übung hatten wir als erste Ausrüstung eine Armschleife und eine weiße Mütze mit rotem Kreuz angeschafft, wofür vorerst Herr Dr. Knauss die Mittel geliehen hatte.

4. Die Gerätschaften, Tragen, Taschen etc. hatten wir bisher von Ulm und Stuttgart leihweise erhalten. Verbandzeug wurde von Herrn Dr. Knauss beschafft. Auf oben beschriebener Hauptübung beschloß dann die Amtsversammlung die Mittel für Ausrüstung der Sanitätskolonne zu bewilligen und zwar vorerst 700 Mark wovon die Mützen, Tragen, Taschen, Labflaschen und sonstiges angeschafft wurden nebst einem Kasten in welchem alle Ausrüstungen aufbewahrt werden können und der in unserer Turnhalle aufgestellt ist und auf seinen Thüren, das rothe Kreuz auf weißem Grund trägt. Herr Dr. Knauss wurde natürlich seine gesamten Auslagen für Ausrüstung zurückerstattet. Bei unserer Hauptprüfung, welche voriges Jahr im November vor Prinz Weimar, Obermedizinalrath Dr. Rembold, Lieutnant Hermann und anderen Leitern und Vorstehern des Württembergischen Sanitätsvereins geschah, wurden wir als tüchtig erklärt und als 10te Kolonne von Württemberg in den Verband aufgenommen. An diese Prüfung schloß sich abends ein großes Bankett welches Prinz Weimar und die andren Herren, sowie alle staatlichen wie bürgerlichen Beamten und Vertreter der Stadt und des Bezirks Geislingen beiwohnten; unser Turnersängerkranz trug auch einige Lieder dabei vor und hatte auch unseren Führer Herrn Lieutnant Hermann durch Ausbringen des Dankes und eines Hochs zu feiern.
Die Amtversammlung beschloß die Kosten der Ubung wie des Banketts zu bestreiten und hat uns weitere 800 Mark bewilligt zur Anschaffung von Dienstjuppen welche jedoch erst im Mai oder Juni den hiesigen beim Turnverein als Mitglieder befindlichen Schneidern in Arbeit gegeben werden. Wir übten bisher immer in unseren Turnjacken.

5. Unsere Kolonnen besteht aus 45 Mann, nur Mitglieder der Turngemeinde und haben wir 9 Tragen

Die Kolonnen enthält:
1 Kolonnenführer
1 Stellvertreter
1 Hornisten
3 Abteilungs oder Patrollenführer
3 Stellvertreter
96 Mann Sanitätsleute

Die Einteilung, Übungsweise und sonstige Vorschriften befinden sich alle in den beiliegenden Exerziervorschriften und im Leitfaden.
Einen Leitfaden muß jeder Mann auf eigene Kosten selbst beschaffen, er kostet 70-80 Pf. Exerziervorschriften brauchen nur die Kolonnenführer und ersten Patrolleführer. Unsere beiden Büchlein sind etwas veraltet, es gibt jetzt erneuerte, verbesserte Auflagen und werdet Ihr dieselben am Besten bei W. Kohlhammer in Stuttgart beziehen.
Nur noch einige allgemeine Bemerkungen. Wenn ihr zum Anfang zwei Abteilungen a 12 Mann nebst Führer aufstellet, genügt es vollständig, es würden dazu 6 Tragen nöthig sein, jedoch brauchet Ihr im ersten Jahr noch keine Tragen, denn die theoretischen, Verband und Exerzierübungen müssen vorher fest sitzen. Am Besten ist es natürlich, wenn Ihr lauter Mitglieder des Turnvereins dabei habt. Bedingung ist jedoch, daß jedes Mitglied der Kolonne seinen dauernden Sitz in Eurer Stadt hat, daß es womöglich militärfrei ist oder doch im Alter, daß bei etwaiger Mobilmachung kein Einberufungsbefehl an den Betreffenden kommt. Also solche die erst zur Aushebung kommen, dürfen nicht dabei sein. Wer militärfrei geworden ist und sonst kräftigen Körperbau hat und wie gesagt in Nürtingen bleibt, der kann mit Anfang Zwanziger schon aufgenommen werden. Sonst womöglich auf ältere Leute sehen. Gut ist es wenn unter Euch jemand ist, der beim Militär schon die Sanitätsübungen durchgemacht hat, weil daß bei Einübungen sehr zum Nutzen der Kolonne angewendet werden kann. Unser erster Kolonnenführer und Turnwart Pöpple hat eben beim Militär den Sanitätsdienst mitgemacht, aber da er erst 32 Jahre alt ist und demgemäß noch Landwehrmann, so bin ich der Ersetzende, daß im Falle einer Mobilmachung ein Führer da ist.

Die Anmeldung nach Stuttgart hat natürlich keine Eile. Erst wenn Ihr einmal fest gegründet seid und mit den Übungen schon ziemlich vorgeschritten seid, ist eine Anmeldung angezeigt, weil mit einer solchen auch ein Namen-Register, welches Alter, Stand, genauer Vor und Zunamen der Leute enthält, eingesandt werden muß. Doch wird was Anmeldung u.s.w. betrifft Euer Unterrichts-Arzt schon das Nöthige und Geeignete wissen und anwenden. Die beiden Büchlein bitte innerhalb vier bis sechs Wochen an mich zurückgehen zu lassen. Wolltest Du über irgend etwas bezüglich der Sanitätskolonne weitere Aufklärung wünschen, so bin ich gerne bereit nach besten Wissen Dir solche zu ertheilen.

Dir wie dem Nürtinger Turnverein ein herzliches "Gut Heil" zurufend, verbleibe Dein Vetter

Friedrich Steiff

Herzlichen Gruß erwidert meine Frau.

P.S. Turner welche zum Besuch der Turnstunden verpflichtet sind, womöglich nicht in die Sanitätskolonne aufnehmen, da die Leute durch die Sanitätsübungen stark in Anspruch genommen werden und der Tumbesuch darunter leiden könnte.
Eigene Statuten oder dergleichen Vorschriften gibt es nicht für Sanitätskolonnen, sondern mit dem Einschreiben in die Mitgliederliste ist jeder verpflichtet den Befehlen der Führer zu folgen und sofort bei einem Hilferuf sei es bei Unglücksfällen, sei es bei einem Ausmarsch, sich zu stellen.